• helenadolderer

Eifersucht: Gewünschte Würze oder lästiges Kopfkino?

Aktualisiert: 11. Okt.



Ursprünglich wollte ich ja einmal im Monat einen Beitrag auf diesem Blog veröffentlichen. Aber so ist das, man plant etwas und es kommt doch anders. Das lag vor allem daran, dass ich in den letzten Wochen emotional mit mir selbst beschäftigt war. Und deswegen möchte ich diesmal über ein Thema sprechen, das mir aktuell am Herzen liegt: Eifersucht. Manchmal spreche ich mit Freund:innen, Familie oder Bekannten über meine nicht-monogame Beziehung. Ich werde gefragt: Und da bist du nicht eifersüchtig? Ich antworte: Doch! Und das ist okay.


Vermutlich war jede:r schon mal eifersüchtig. Ich war es sogar schon häufig. Doch die wenigsten haben gelernt, mit der Eifersucht umzugehen. Das Gefühl ist äußerst unschön. Lästig, schrecklich, kräftezehrend. Oft ist es ein bitterer Cocktail aus mehreren Gefühlen. Der französische Philosoph Roland Barthes schreibt in seinem 1988 erschienen Buch Fragmente einer Sprache der Liebe das: Als Eifersüchtiger leide ich vierfach: Weil ich eifersüchtig bin, weil ich mir meine Eifersucht zum Vorwurf mache, weil ich fürchte, dass meine Eifersucht den anderen verletzt, weil ich mich von einer Banalität knechten lasse: Ich leide darunter, ausgeschlossen zu sein, aggressiv zu sein und gewöhnlich zu sein.


Aber warum sind wir eifersüchtig? Und was bringt Eifersucht, außer dass sie Beziehungen (zer)stört? Oder gibt sie einer Beziehung womöglich die notwendige Würze? Um das zu verstehen, müssen wir uns auf Ursachensuche begeben.


Wie fühlt sich Eifersucht an?


Ich habe in mich hineingehorcht und versucht aufzuschreiben, wie sich Eifersucht für mich persönlich anfühlt: Da ist auf der einen Seite die pure und oft irrationale Angst, meine:n Partner:in zu verlieren. An jemand anderen. Wenn es da beispielsweise eine andere Frau gibt, mit der mein Freund sich gut versteht. Was, wenn sie mich dann in ein schlechtes Licht rückt? Wenn sie womöglich meine Schwächen und Macken aufdeckt und betont und in allem viel toller ist als ich? Dann kann ich da nicht mithalten. Ich werde unsicher. Ich fange an, an mir selbst zu zweifeln: Bin ich noch gut genug? Was kann ich besser machen?


Auf der anderen Seite werde ich eifersüchtig, wenn ich mich in meiner Beziehung vernachlässigt fühle. Wenn ich für mein Empfinden nicht ausreichend wahrgenommen werde (unabhängig davon, ob dem so ist oder nicht) oder zu wenig zärtlich berührt werde (körperlich und emotional), dann fühle ich mich einsam. Ich versuche, Gründe dafür zu finden. Warum fasst mich mein:e Partner:in gerade weniger an? Gibt es da jemand anderen, die/den er lieber um sich hat?


Im Kern ist Eifersucht oft Verlustangst


Wo haben solche Gedanken und Gefühle ihren Ursprung? Für Friedemann Karig, Autor des Buchs Wie wir lieben, ist Eifersucht die logische Konsequenz aus drei Faktoren: Unserem romantischen Liebesideal, unserem Selbstwertgefühl und der ultimativen öffentlichen Abwertung des Betrugs.


Da sei die Vorstellung, wir könnten alles mit einem Menschen für immer haben, und das gleichzeitige Bewusstsein für die große Auswahl an attraktiven Menschen, die eine ständige Versuchung darstellen würden, was der Autor auch mit der Omnipräsenz von Sex in unserer Gesellschaft begründet. Apps wie Tinder, Bumble und Co machen Dating scheinbar so unaufwendig wie nie. Überall lauert ein neuer potenzieller Flirt, aus dem mehr werden kann. Hinzu komme laut Karig unser Selbstwertgefühl, das wir zum Teil auf den Signalen anderer und der Bestätigung durch andere Menschen bauen und das damit auf wackeligen Füßen stehe. Zuletzt sei der Betrug die größtmögliche persönliche Katastrophe: Werde ich betrogen, bedeute das, ich bin am gesellschaftlichen Anspruch, ein liebenswertes Individuum zu sein, gescheitert


Das alles führe uns in Karigs Augen häufig zum Kern: Verlustangst. Eifersucht sei also eine Projektion auf unsere:n Partner:in. Gesellschaftlich wird Eifersucht zwar verpönt und als etwas Schlechtes und als Gefahr für die Beziehung abgestempelt. Gleichzeitig wünschen wir uns insgeheim aber, dass unser:e Partner:in ab und zu doch ein bisschen eifersüchtig ist, quasi als Bestätigung für das Vorhandensein von Liebe.


Ich denke, das hängt stark mit Erziehung, Konditionierung und vorgelebten Denkmustern zusammen. Wir alle haben gelernt, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten und fühlen sollen. In meiner nicht-monogamen Beziehung bin ich schon oft an die Grenzen dieses Erlernten gestoßen. Beispiel: Mein Partner lernt eine Frau kennen, die er gut findet. Sofort leuchten intuitiv meine Alarmlämpchen auf und das Gedankenkarussell geht los. Plötzlich habe ich einen dicken fetten Kloß im Hals, der meine Augen mit Tränen füllt, bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann, was mein Problem ist. Denn mein ganzes Leben habe ich gelernt: Das bedeutet ganz klar eine Gefahr für meine Beziehung. Ohne große Diskussion.


Nur zum Teil "natürliches" Verhalten


Solche Gefühle sind okay, manchmal auch berechtigt. Gehen wir eine romantische Bindung ein, machen wir uns verletzbar. Und vor dieser Verletzung fürchten wir uns. Für solche Gefühle gibt es auch eine biologische Erklärung: Der Serotoninspiegel sinkt. Das "Glückshormon" Serotonin sorgt für Zufriedenheit und Wohlbefinden. Ein Mangel an Serotonin kippt unsere Stimmung, sorgt für schlechte Laune und Angstgefühle. (https://www.wdr.de/tv/applications/fernsehen/wissen/quarks/pdf/liebe.pdf)


Ist Eifersucht also ganz natürlich? Ja, sagt Psychotherapeut Dr. Wolfang Krüger im Onlinemagazin femtastics. Eifersucht sei ein integraler Bestandteil des Menschseins: Menschsein ist immer mit Unsicherheit verbunden und wir sind daher auf verlässliche Beziehungen angewiesen. Deshalb sind wir immer eifersüchtig, wenn wir Angst haben, dass uns die Liebe eines wichtigen Menschen verloren gehen könnte. (https://femtastics.com/journal/warum-bin-ich-eifersuechtig/) Karig hält dagegen: Eifersucht ist nur teilweise "natürliches" Verhalten. Sie ist zum größeren Teil erlernt. Sie kann, wie alles andere, ent-lernt werden.


Zulassen, bewusst spüren, Raum geben


Schön und gut, und wie gehen wir am besten damit um, wenn wir merken, dass wir eifersüchtig sind? Was das Problem meist verschlimmert, ist Verdrängung, schreibt femtastics-Autorin Luise Rau. Denn auch Eifersucht habe eine Daseinsberechtigung. Statt sich über das unschöne Gefühl zu ärgern, sollten wir uns mit unserer Eifersucht auseinander- (oder besser zusammen-)setzen, sie bewusst spüren und ihr Raum geben. Wenn wir herausfinden, wo es zwickt, dann finden wir vielleicht den wahren Auslöser. Ist die Eifersucht wirklich begründet oder irrational? Meistens helfe es enorm, über solche Gefühle zu sprechen. Bedeutsam für diesen Umgang ist für mich vor allem eines: Vertrauen – Vertrauen in meinen Partner, Vertrauen in unsere Beziehung und Vertrauen in meine eigene Kraft, auch unangenehmen Gefühlen gegenübertreten zu können, so Luise Rau. (https://femtastics.com/journal/warum-bin-ich-eifersuechtig/)


Die positive Seite


Rückblickend muss ich sagen, dass meine Eifersucht oft mit meiner eigenen Unsicherheit zu tun hatte – und das auch immer noch so ist. Fühle ich mich gerade unwohl in meiner Haut, bin unzufrieden oder gestresst, dann bin ich auch viel anfälliger dafür, meine eigene Unzufriedenheit auf meinen Partner zu projizieren. Daran hat sich nichts geändert, nur weil ich nicht mehr exklusiv mit meinem Freund bin. Was sich aber für mich verändert hat: Ich lerne, besser mit der Eifersucht umzugehen und sie besser zu kommunizieren, indem ich offen anspreche, was meine Gefühle und Gedanken sind. Mal gelingt mir das gut, mal weniger gut.


Jetzt aber Butter bei die Fische: Was bringt die verdammte Eifersucht dann überhaupt, außer dass sie anstrengend ist? Ich hätte lange kurz und knapp geantwortet: Absolut nichts, hör mir bloß auf. Es gibt da aber doch etwas, zumindest wenn man anfängt, sich mit ihr ehrlich zu beschäftigen. Und das ist Selbstreflektion. Wie fühle ich mich wirklich? Was fürchte ich und warum? Selbstreflektion ist in meinen Augen der Schlüssel zur persönlichen Weiterentwicklung und ermöglicht es, über sich selbst hinauszuwachsen. Der Autor Friedemann Karig kommt zu einem ähnlichen Schluss: Selbstreflektion und Selbstliebe seien elementare Schritte in die richtige Richtung. Und er sieht Potential in einem weiteren Schritt, nämlich der allmählichen Umwandlung von Eifersucht in positive Gefühle wie Mitfreude. Karig nennt es emotionales Yoga. Warum? Dazu werde ich in meinem nächsten Blogbeitrag mehr schreiben.


Also: Eifersucht ist nicht per se schlecht, wenn wir uns mit ihr an einen Tisch setzen und uns intensiv mit ihr befassen. Und wer darüber hinaus prophylaktisch schon mal seine Serotoninproduktion ankurbeln möchte, sollte eines tun: Ganz viel Schokolade essen.

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