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Kuscheln mit Freund:innen: Warum wir mehr Romantik brauchen

Aktualisiert: 7. Nov.



In den letzten Monaten habe ich Menschen kennengelernt, denen ich körperlich nahe gekommen bin, bevor ich mich das erste Mal so richtig mit ihnen unterhalten habe. Und das nicht im sexuellen Sinne, sondern vor allem mit zärtlichen Berührungen, Kuscheln, Umarmungen. Das war für mich total neu, und total schön. Und ich habe gemerkt: Ich will mehr davon, ganz besonders mit meinen Herzensmenschen. Warum sind Intimität und Romantik häufig unseren Partner:innen vorbehalten? Warum nicht auch in Freundschaften mehr zärtliche Momente erleben? Und muss es da denn überhaupt große Unterschiede geben?


Partnerschaften gelten als erstrebenswerter


Im Frühling habe ich Radikale Zärtlichkeit: Warum Liebe politisch ist von der großartigen Şeyda Kurt gelesen. In dem Buch durchleuchtet sie die diskriminierenden Strukturen unserer Liebesnormen und stellt schon auf den ersten Seiten fest, dass romantische Partnerschaften in unserer Gesellschaft immer noch als das Nonplusultra gelten: Andere Konzepte von Intimität, etwa Freund:innenschaften, werden im Gegensatz zur romantischen Beziehung häufig als weniger erstrebenswert betrachtet. Während die meisten bei dem Gedanken an romantische Beziehungen grundsätzlich davon ausgehen, dass die Partner:innen auch Sex haben, sprechen sie Freund:innenschaften sexuelle Intimitäten ab.


So lebe das Konzept der romantischen Paarbeziehung von gewissen Abgrenzungen zu anderen zwischenmenschlichen Beziehungen – und das nehmen wir oftmals unhinterfragt hin. Damit heben wir Partnerschaften quasi auf ein höheres Level als Freundschaften. Aber brauchen wir wirklich Liebesbeziehungen, um unser Bedürfnis nach Nähe und Intimität zu stillen?


"Ich bin total in meine Freund:innen verliebt"


Ja, du kannst auch in deiner Freundschaft Romantik finden lautet der Titel von Tšhegofatšo Ndabanes ganz persönlichen Erzählungen von ihren Beziehungen, in denen die Grenzen zwischen Freundschaft und Romantik verschwimmen. Im New Yorker Online-Magazin Refinery29 schreibt sie (übersetzt): Ich erwarte von meinen Beziehungen, dass sie auf einer tiefen, innigen Freundschaft aufbauen. Ich wünsche mir Intimität und Liebe in meinen Freundschaften. Und ich ziehe keines dem anderen vor.


Ndabane erzählt, dass sie sich in ihren Freundschaften offener und verwundbarer ausdrückt als viele andere. Das äußert sie in oft romantischen Gesten. Zum Beispiel kuschle ich mit meinen Freund:innen, schicke ihnen liebe Geschenke und erkläre ihnen ganz ehrlich meine tiefe Zuneigung. Heute kann ich mit Stolz sagen (und das tue ich auch gegenüber allen, die es interessiert): Ich bin total in meine Freund:innen verliebt. (https://www.refinery29.com/de-de/2021/08/10623954/romantische-freundschaften-single-romantik)


Romantische Freundschaften


Was Ndabane meint, kann man Romantische Freundschaft nennen. Der Ausdruck tauchte schon im Laufe des 19., spätestens aber im 20. Jahrhundert auf, und gewinnt zunehmend an Popularität. Er beschreibt eine innige Freundschaft mit romantischem Charakter, typischerweise nicht-sexueller Natur. Im Londoner Politikmagazin New Statesman erörtern Sukaina Hirji und Meena Krishnamurthy die Bedeutung der romantischen Freundschaft. Solche Modelle stünden grundsätzlich für den Wunsch, intime Beziehungen individuell gestalten zu können, entgegen konventionellen Mustern.


In romantischen Freundschaften werden laut Hirji und Krishnamurthy manche für klassische Partnerschaften typische Elemente – zum Beispiel das Bedürfnis nach Intimität und Verbindlichkeit, manchmal auch Sex – übernommen. Damit könnten Liebe und Nähe verbunden werden, ohne die praktischen Vorkehrungen zu treffen, um das Leben mit einer anderen Person zu teilen. (https://www.newstatesman.com/ideas/agora/2021/11/what-is-romantic-friendship)


Das soll nicht bedeuten, dass es keine klassischen Partnerschaften mehr geben soll. Die weltbekannte Autorin und Literaturwissenschaftlerin bell hooks beispielsweise schreibt dazu in ihrem Buch Communion: The female search for love, dass romantische Freundschaften ihre Daseinsberechtigung nicht darin haben, die Ehe zu ersetzen. Ganz im Gegenteil: Es gehe stattdessen um eine weitere Möglichkeit der verbindlichen Liebe (unter Freund:innen).


Eine neue Organisation von Zärtlichkeit


Auch Şeyda Kurt findet: Wir brauchen die Vision einer queeren Gesellschaft. Queer, das ist eine positive Selbstbezeichnung für Personen, die nicht heterosexuell und/oder cisgeschlechtlich sind, so definiert es das Deutsche Institut der Sozialwirtschaft. Anders ausgedrückt geht es um Menschen, deren geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Orientierung außerhalb der gesellschaftlichen Normen liegen.


Kurt meint damit (unter anderem), dass wir eine neue Organisation von Zärtlichkeit in Beziehungs- und Familienkonstellationen brauchen. Sie nimmt Bezug auf Peter Weissenburger und seine taz-Kolumne (mit dem schönen doppeldeutigen Titel) Kuscheln in Ketten: Die queere Familie zeichnet aus, dass dort Intimität auf viele verteilt wird, so der Kolumnist. Die Person, mit der ich wohne, die, mit der ich ein Kind habe, die, mit der ich schlafe, und die, mit der ich kuschle, sind nicht zwangsläufig dieselbe – anders als in der romantischen Zweierbeziehung und anderen heteronormativen Modellen. (https://taz.de/Kuscheln-und-Sex-in-Corona-Zeiten/!5669028/)


Seit ich polyamor lebe, hinterfrage ich auch andere Konventionen mehr. Denn nicht nur in Liebesbeziehungen, auch in Freundschaften bestehen noch diverse gesellschaftliche Erwartungen und feste Muster, die uns oft die metaphorischen Ketten anlegen, um es mit Weissenburgers Worten zu sagen. Für mich sind zum Beispiel zärtliche Berührungen wahnsinnig wohltuend. Da wäre es ehrlich gesagt schade, wenn ich das nur mit meinem Partner tun würde. Und obwohl ich sagen würde, dass ich mich inzwischen weitestgehend von solchen erlernten Mustern losgelöst habe, merke ich, dass ich mich unterbewusst häufig immer noch auf lange verinnerlichten Wegen bewege.


Ich kann an dieser Stelle natürlich nur von meinen persönlichen Erfahrungen berichten. Mit Sicherheit gibt es Menschen, die schon immer romantische freundschaftliche Beziehungen pflegen. Eine gewisse gesellschaftliche Vorliebe und manchmal auch Intoleranz für bestimmte Modelle, die über unserer Gesellschaft wabern, mal mehr mal weniger sichtbar, ist aber nicht zu leugnen. Ich wünsche mir, dass solche gedanklichen Grenzen immer mehr verschwimmen und durch nichts mehr gerechtfertigt werden müssen.


Die Kuschelraupe


Die meisten Menschen brauchen Nähe – und die ist in Freundschaften genauso möglich wie in Liebesbeziehungen oder Partnerschaften. Und doch ist die Frage, wer was im Leben braucht, eine höchst individuelle Angelegenheit, schreibt Kurt zu Beginn ihres Buchs. Nicht alle Menschen etwa sehnen sich nach romantischer Liebe. Manche sehnen sich nach Freund:innenschaft. Andere nach Verbindung unterschiedlichster Art. Und Hirji und Krishnamurthy resümieren: Ultimately, deep, lasting love comes in many forms.


Ich glaube, ein bisschen mehr Romantik (in welcher Form auch immer) würde uns allen gut tun. Mehr Wärme, mehr ehrliche Umarmungen, mehr Schmusen, mehr Zuneigung. Hast du zum Beispiel schon mal von der Kuschelraupe gehört? Du setzt dich zwischen die Beine eines Herzensmenschen. Dann lehnst du dich nach hinten und legst dich mit dem Kopf auf seinen Bauch. Er oder sie macht das gleiche, lehnt sich also ebenfalls zurück und mit dem Kopf auf den Bauch der Person dahinter, und so weiter. So kannst du gleichzeitig den Kopf oder die Schultern des Vordermenschen kraulen und gekrault werden. Fertig ist die Kuschelraupe! Ich kann's wärmstens empfehlen.

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