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Von Erdbeerkuchen, Yoga und Mitfreude



Neulich Abend kam mein Partner zu mir nach Hause, ganz glücklich und beseelt. Er hatte den Tag mit einer Freundin verbracht, die ihm sehr nahesteht. Er war besonders kuschelbedürftig und suchte meine Nähe, wo es nur ging. Statt meinem ersten Impuls nachzugeben (aha, gut zu wissen, dass es dir so besonders gut geht, wenn du den Tag mit ihr und nicht mit mir verbringst), habe ich mich an diesem Montagabend gefreut, dass er so aufmerksam und süß zu mir war. Denn ich habe dazugelernt und geübt in den letzten Monaten. Gönnen können heißen die magischen Wörter. Ist es nicht schön, zu wissen, dass mein Partner einen schönen Tag hatte? Und mehr noch: Ich habe erkannt, dass ich ja von seiner guten Laune etwas abbekomme und seine Liebe nur mehr wird.


Das Kuchenmodell


Mitfreude ist, wenn ich mich für und mit jemandem freue, den ich sehr gern habe, für ein Glück, das nichts mit mir zu tun hat. Mitfreuen ist oft selbstlos, kann mich aber durchaus selbst beflügeln. In Beziehungen, freundschaftlich und/oder romantisch, ist Mitfreude oft der Dünger für eine ehrliche Anteilnahme am Leben der oder des anderen. Wenn ich merke, dass mir mein Gegenüber zuhört, empathisch ist und sich über meine Erfolgserlebnisse freut, dann fühle ich mich wohl und möchte mich ihr oder ihm auch öffnen und anvertrauen, und auch anvertraut werden.


In nicht-exklusiven Liebesbeziehungen bedeutet Mitfreude auch: Kann ich mich mitfreuen, wenn mein:e Partner:in Sex oder körperliche Nähe mit jemand anderem hat? Und in polyamoren Modellen: Kann ich mich mitfreuen, wenn es da noch einen anderen Menschen gibt, den er oder sie liebt? Oder ist Liebe ein saftiger Erdbeerkuchen und ich muss zusehen, dass ich ein Stück abbekomme, groß genug, um satt zu werden?


Der Familien- und Paartherapeut Markus Bärlocher hält nichts von erschöpflicher Liebe. In einem Gespräch mit der SZ von 2010 wird Bärlocher gefragt, was denn aber der persönliche Vorteil sei, einen geliebten Menschen teilen zu müssen. Sie denken schon wieder im Kuchenmodell, antwortet der. Es entsteht ein qualitativer Gewinn, nicht ein quantitativer. Wenn ich jemanden liebe, freue ich mich, dass es ihm gutgeht. Menschen, die dafür offen sind, erkennen: Eigentlich ist es Quatsch, nicht zu teilen. Wir gewinnen mehr Liebe (...)! (https://www.sueddeutsche.de/leben/beziehung-und-eifersucht-er-hat-eine-andere-wie-schoen-1.326720)


Natürlich gibt es Grenzen. Echte Knappheiten, nennt Friedemann Karig sie in seinem von mir schon häufig erwähnten Buch Wie wir lieben. Es geht um begrenzte Kapazitäten. Dazu zählen insbesondere unsere Zeit, aber auch Aufmerksamkeit und Lust. Aber Gefühle? Liebe ist kein Kuchen, der kleiner wird, wenn man ihn teilt, findet Vera in Bov Bjergs Buch Auerhaus. Bärlocher würde zustimmend nicken. Womit meine Kuchenfrage beantwortet wäre.


Dehnen, aushalten, Wärme spüren


Das anzuerkennen (und umzusetzen) fällt nicht immer leicht. Aber man kann es lernen. Eine der schönsten Metaphern dafür findet sich in Wie wir lieben. Der manchmal durchaus schmerzhafte Weg hin zur Mitfreude wird in dem Buch beschrieben als emotionales Yoga: Es fällt schwer, spannt und zieht, tut manchmal auch weh. Aber ich kann in den leichten Schmerz, in die Dehnung hinein atmen, sie aushalten und die Wärme, die von ihr ausgeht, genießen. Ich kann die Grenzbegehung und -überschreitung als das sehen, was sie ist: eine Erweiterung meiner Möglichkeiten. Weg von der Verkrampfung und Eingrenzung. Hin zu emotionaler Beweglichkeit. Emotionale Beweglichkeit, klingt fantastisch, oder?


Yoga macht am Anfang nicht unbedingt Spaß. Warum? Weil viele Positionen schmerzen, ziehen und anstrengend sind. Mit der Übung kommt die Entspannung, kommt der Genuss. Eine Erweiterung meiner Möglichkeiten. So kann es sich in meinen Augen auch mit Mitfreude verhalten: Anfangs schmerzt es vielleicht, wenn mein:e Partner:in von einem schönen Erlebnis berichtet, das er oder sie mit jemand anderem geteilt hat, und nicht mit mir. Aber (und das ist meine eigene Erfahrung): es kann auch unglaublich schön und bereichernd sein, zu wissen, dass mein Freund glücklich ist, und mich ehrlich und von ganzem Herzen mitzufreuen. (Und im Grunde kann ich mich sogar für den Menschen freuen, der Zeit mit ihm verbracht hat, denn ich weiß ja wie toll mein Partner ist.) Was anfangs wehtut, kann sich irgendwann gut anfühlen. Da heißt es üben, üben, üben. Auch im Yoga. Und ganz plötzlich kann man das Bein hinters Ohr klemmen (oder so ähnlich).


Und wer sich jetzt denkt: Theoretisch schön – aber warum sollte ich etwas tun, das mir wehtut? Mein Freund antwortet darauf: Wir tun ständig unangenehme Dinge. Wir lernen auch neue Sprachen oder ein Instrument, was am Anfang mühselig ist und anstrengt. Wir lernen für Prüfungen, um am Ende ein (hoffentlich) zufriedenstellendes Ergebnis in den Händen zu halten und stolz darauf zu sein. Wir sind intelligente Lebewesen und fähig, in die Zukunft zu planen und zu wissen, dass wir nicht immer unmittelbar belohnt werden für unsere Taten. Touché!


Mitfreude kann mit negativen Gefühlen koexistieren


Für polyamorös lebende Menschen ist Mitfreude ein ganz zentraler Teil von Beziehungen. Sich für und mit seinen Partner:innen zu freuen, wenn sie auch mit anderen zusammen glücklich sind, ist der Nährboden für die Liebe zu mehreren Menschen. Das muss nicht zwangsläufig Gefühle wie Eifersucht komplett ausschließen. Auch wenn ich geübte:r Yogi bin, können mir manche Haltungen wehtun. Und nicht immer gelingt es, sich lediglich mitzufreuen, ohne eifersüchtig zu sein. Mitfreude kann durchaus mit negativen Gefühlen koexistieren. Und das ist total okay. Wenn ich ehrlich bin, muss ich mich fragen, wie ich zum Genuss, zum Wachstum, zur Selbstverwirklichung meiner Liebsten stehe, so der Wie wir lieben-Autor. Sind die okay, solange meine Bedürfnisse nicht tangiert werden? Oder sind sie wirklich wichtig, so wichtig wie alles, was ich will?


Mitfreuen bedeutet also auch, Veränderungen zuzulassen. Ich bin ein absoluter Gewohnheitsmensch und suhle mich gerne in Altbekanntem, denn da ist es warm und gemütlich. Veränderungen machen mir manchmal Angst. Aber sie sind schön und müssen für eine (Liebes-)Beziehung erst recht nicht das Aus bedeuten.


Es gibt ein wunderbares Zitat einer meiner Lieblingsautor:innen aus meiner Kindheit und Jugend: Cornelia Funke (ausgekramt von dem lieben Karig, danke dafür!): Ich hätte mit 16 gerne gewusst, dass das Einzige, was zwischen uns und dem Leben steht, die eigene Angst ist, und dass man sie nicht füttern darf, indem man ihr nachgibt. Ich hätte gerne gewusst, dass es keine Veränderung gibt, ohne dass man dafür mit Angst bezahlen muss, und wie wunderbar glücklich und frei es macht, Dinge zu tun, vor denen man sich fürchtet.

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